Glückliche Bilder
Interview von Christoph Lichtin mit Claude Hohl, 20.5.2004

(Dieses Interview wurde anlässlich der bevorstehenden Ausstellung "BERN/GEGENWART/HOHL" geführt und als Beilageblatt aufgelegt)

Christoph Lichtin: Du bezeichnest die Serie der Gemälde an der Du jetzt seit etwa drei Jahren arbeitest "Glückliche Bilder". Wie bist Du auf diesen Titel gekommen?

Claude Hohl: Der Titel ist eine Art Vorwand beim Malen. Er begleitet den Prozess wie ein Konzept. "Glücklich" verbindet sich mit einem anderen Ausgangspunkt, nämlich nicht von einer Vorlage ausgehen zu müssen, sondern frei drauflos malen zu können. "Glücklich" ist damit eher mit meiner Situation vor der Leinwand in Verbindung zu bringen. Der Titel ist nun so etwas wie ein Kosename.
Der Ausgangspunkt vor dem Malen ist vergleichbar mit der Erfahrung im Sandkasten. Dort beginnt man auch immer innerhalb der gleichen Rahmenbedingungen, und was dann daraus ensteht, ist jeweils völlig anders. Trotz des Rahmens ist man irgendwie frei, man kann alles modelieren was man will. Beim Malen suche ich einen ganz ähnlichen, lustvoll kreativen Moment.

CL: Soll sich beim Betrachter das gleiche Gefühl des Glücklichseins einstellen? Bewirken diese Bilder glückliche Kunstbetrachter?

CH: (Lacht) Natürlich ist der kreative Moment nicht Selbstzweck. Und die Bilder sollen von dieser Situation auch nicht nur erzählen. Ich weiss von mir zum Beispiel, dass mich Schockolade oder Kaffee glücklich machen. Irgendwie funktioniert das mit dem Magen so. Ich möchte das visuelle Pendant dazu finden, ohne in die gängigen Klisches vom Lächelden Figürchen zu verfallen. Ich möchte das absrakt lösen, das heisst, ohne erzählbaren Bildinhalt. Mir gefällt, das diesem Unterfangen etwas Utopisches anhaftet.

CL: Nun ist aber in den meisten Gemälden dieser Serie etwas, das die Einheit oder die Komposition des Ganzen stört. Da ist zum Beispiel eine ungelenke Form, die an einen Körperteil erinnert, oder da ist eine Leerfläche, die zu einer eigenartigen Disharmonie führt. Was bezwecken diese Störungen?

CH: Störungen der Harmonie haben einerseits mit dem Bildaufbau zu tun, dadurch entsteht Bewegung, Dynamik, eine Art Aktivität auf der Bildfläche. In einem übertragenen Sinne sind aber Störungen das, was für mich einen hohen emotionalen Stellenwert hat: Störungen haben mit Freiheit zu tun und mit Überraschungen. Ich verbinde dies durchaus mit dem was Glücklichsein sein könnte.
Zu den Formen, die Du als ungelenk bezeichnest, ist zu sagen, dass es mir sehr grossen Spass bereitet, diese, ich nenne sie sogar "Dumme Formen", zu malen. Sie bringen etwas ins Bild, das den Betrachter in die Position erhebt, eigentlich klüger zu sein als das Bild. Denn angesichts einer dieser ungelenken Formen denkt sich der Kenner doch: das wirkt hier aber etwas dumm. Doch Dummheit und Glücklichsein gehören ja aus einer gesellschaftlichen Perspektive betrachtet durchaus zusammen: Der Glückliche ist uns suspekt, denn er hat ja einfach die Situation nicht richtig erfasst.

CL: Kann sich denn beim Betrachter, falls er festgestellt hat, dass er klüger ist als das Bild, das Glücklichsein noch einstellen?

CH: So einfach soll es ihm ja nicht gemacht werden. Es soll schwierig sein, das Bild ganz zu erschliessen. Mir gefällt die Vorstellung, dass Bilder, die man um sich hat, wie Haustiere funktionieren. Man muss sich an sie gewöhnen, aber sie behalten stets ein Eigenleben. Man wendet sich ihnen immer wieder gerne zu, aber sie bewahren etwas Sperriges, Fremdes, bisweilen sogar Arrogantes. So bleibt vor dem Bild das Glücklichsein als eine Verheissung, die sich nie ganz einstellt, aber die einen immer wieder zum Bild zurücktreibt.